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Église Saint Nicolas, Walter Maria Förderer, Hérémence, 1967-1971, Swiss Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com

Église Saint Nicolas

Picture of Words & Photography: Karin Bürki

Text & Bilder: Karin Bürki

Das Matterhorn des Schweizer Brutalismus

Es ist 17 Meter hoch, und erstreckt sich über mehrere Plateaus. Mit seinen seinen Knicken, zahlreichen Öffnungen, Ecken und Kanten sieht es aus wie aus dem Fels gehauen. Am 31. Oktober 1971 wurde das Kirchenmassiv, eingeweiht. Es ist eine Offenbarung, und zwar nicht nur für Fans von Sichtbeton. Kein Wunder, steht Walter Maria Förderers kühne Kombination aus Gesamtkunstwerk und Mehrzweckbau unter nationalem Denkmalschutz. Auf zur Pilgerreise.

Der Aufstieg beginnt eher weltlich. Der Sockelbau an der Rue Principale integriert Bar, Dorfladen, Postschalter und öffentliche Toiletten. Wettergegerbte Chalets säumen die schmale Strasse. Betontreppen führen auf das Plateau. Es ist ein karger, exponierter Platz. In der Mitte plätschert ein Brunnen aus ineinander verschachtelten Betonquadern, mitsamt akkurat arrangierten pinkfarbenen Geranien-Arrangements in Eternitschalen von Willy Guhl. Hier auf der zugigen Esplanade befindet sich auch der etwas versteckte Eingang zur Kirche. Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und die Kräfte zu schonen, denn ab jetzt ist Schnappatmung angesagt.

Der monumentale Innenraum ist selbst für hartgesottene Gemüter ohne religiösen Bezug eine Offenbarung. Der sechseckige, höhlenartige Raum bietet 1000 Menschen Platz. Expressionistische Betonstrukturen, deren Wirkung durch den indirekten Lichteinfall mittels gezielt gesetzten Öffnungen in der zerklüfteten Decke noch verstärkt wird, ziehen das Auge sofort in ihren Bann. Die liturgischen Elemente sind aus Holz und atmen den offenen und integrativen Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962-1965. An den Wänden und Decken schlucken Holzrahmen den Schall und beherbergen Gemälde aus der alten Kirche. Vor der architektonischen Wucht kann man nicht anders, als ergriffen auf die Knie zu fallen.

Doch die Reise ist noch nicht zu Ende. Über eine Treppe gelangt man in die Rue d’Église, wo sich die Postautohaltestelle und der Zugang zum Kirchturm befinden. Hier zeigt sich Förderer von seiner pragmatischen und serviceorientierten Seite: Im Turm befindet sich eine Bibliothek. Ganz oben lockt eine Aussichtsplattform. Sie bietet einen grandiosen Rundblick auf das Dorf, die weissen Erdpyramiden von Euseigne auf der benachbarten Talseite, die schneebedeckte Dent Blanche und weitere hochalpine Gipfel.

Die Romantiker hätten an Förderers erhabener Sakralskulptur ihre wahre Freude gehabt. In den zerklüfteten Felsformationen, verwinkelten Treppen und heiligen Höhlen prallen sie aufeinander, die grossen helvetischen Sehnsuchtskulissen, die Mythen und die Moderne, die Berge und der Beton. Wie dem auch sei, und möge kommen, was wolle. Das Betonherz von Hérémence schlägt weiter, gross, unzerbrechlich und schön. Amen.

Ein Erdbeben zerstörte 1946 die alte Kirche. Die Gemeinde schrieb einen Wettbewerb für einen Ersatzneubau aus. Die Jury entschied sich für den Entwurf von Walter Maria Förderer. Der Bildhauer und Architekt mit Büro in Basel hatte sich mit aufsehenerregenden expressiven Sichtbetonbauten international einen Namen gemacht und galt als Koryphäe des brutalistischen Kirchenbaus. Wer Förderer bestellte, bekam keine profane Kirche, sondern die moderne Dreifaltigkeit aus unbedingtem Glaubensbekenntnis, Gesamtkunstwerk und pragmatischem Mehrzweckbau.
Mit monumentalen Betonbauten kannte man sich in Hérémence bereits aus. Am Ende des Tals war zwischen 1951 und 1961 die Grande Dixence errichtet worden. Mit einer Höhe von 285 m ist die Gewichtsstaumauer bis heute die höchste der Welt. Das lokale Baugewerbe hatte viel Know-how gesammelt. Im Steinbruch oberhalb der Staumauer lagerte noch reichlich Geröll für den Bau der Betonkirche. Der Wasserzins spülte viel Geld ins Tal, Beton versprach wirtschaftlichen Aufschwung. Die anfänglichen Berührungsängste waren schnell verflogen. Nach der fast einstimmigen Zustimmung der Gemeindemitglieder im Jahr 1966 wurde die Kirche Saint Nicolas zwischen 1967 und 1971 erbaut.

© Karin Bürki/Heartbrut

© Karin Bürki/Heartbrut

Franziskushaus, abandoned former retreat house, conference centre and student campus, Otto Glaus, 1969, Swiss brutalism. Explore more on Heartbrut.com
St Anthony's Church, Antoniuskirche, Karl Moser, Basel, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com
Flamatt II, Atelier 5, Wünnewil-Flamatt, Canton of Fribourg 1961. A Swiss pioneer of brutalist architecture © Karin Bürki. Explore more on Heartbrut.com
Three Loops, Betonschleife, Ralph Bänziger, Zurich 1977, Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com