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Ferro Haus, Pyramide am See, Justus Dahinden, © Karin Buerki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com

Pyramide am See (Ferrohaus)

Picture of Words & Photography: Karin Bürki

Text & Bilder: Karin Bürki

Was wäre, wenn die Mayas eine Raumstation auf dem Mars gebaut und von dort einen pyramidenförmigen Monolithen in Gehdistanz zum Pavillon Le Corbusier und dem Zürichsee im noblen Seefeld-Quartier abgeworfen hätten?

Man könnte es für den futuristischen Tempel einer fernen Gottheit halten. Doch das ausserirdisch anmutende Ferrohaus ist im Grunde nichts anderes als die zur Tugend gemachte Not. Und das kam so: Das vom schwedischen Metallkonzern «Ferrolegeringar AG» in Auftrag gegebene Geschäftshaus musste sich an strenge Bauvorschriften halten. Die schrieben vor, dass die obersten Geschosse zurückversetzt gebaut werden mussten. Der Architekt Justus Dahinden entwickelte daraus die heute ikonische Pyramidenform. Die Verkleidung mit Cor-Ten-Stahl ist eine Referenz an das Tätigkeitsfeld des Bauherrn.

Ursprünglich enthielt die Pyramide im oberen Drittel auch zwei luxuriöse Maisonette-Wohnungen. Die Monatsmiete für eine der Fünfzimmerwohnungen betrug für damalige Verhältnisse stolze 3000 Franken (heute rund 9000 Franken). Unverbaubare Seesicht inklusive. Seit 1993 befindet sich in der Pyramide eine Privatklinik. Die Maya-Raumstation ist bis heute eines der markantesten Gebäude der Stadt. Am 6. Oktober 2021 wurde es von der Stadt Zürich ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen.

Und was hat das Ferrohaus mit Brutalismus zu tun? Im Prinzip nicht viel. Aber angenommen, es wäre aus Beton - es würde alle Kriterien erfüllen. Also erklären wir es zum brutalistischen Bruder im Geiste.

Die charakteristische rotbraune Patina der Pyramide ist auf die schnelle Oxidation des Cor-Ten-Stahls zurückzuführen. Die «Rostästhetik» war in den späten sechziger Jahren in der Firmenarchitektur sehr angesagt. Einer der grössten Fans des Materials war der Künstler Richard Serra, der den Rosteffekt für seine grossflächigen Land-Art-Arbeiten nutzte und das Material weltweit bekannt machte. Justus Dahinden ergänzte seine Zürcher Ikone mit kupferfarbenen Sicherheitsfenstern, die den charakteristischen Ton-in-Ton-Effekt erzeugen.
Justus Dahinden war nie die erste Wahl, wenn es darum ging, ein funktionales Gebäude zu entwerfen. Der «urbanotopische» Architekt interessierte sich nicht für die einengenden Dogmen der Nachkriegsmoderne. Als gläubiger Mensch und bekennender Anhänger des Prinzips «Funktion folgt Form» sah Dahinden seine Aufgabe darin, die Architektur wieder mit dem geistigen und sozialen Wesen des Menschen in Einklang zu bringen. Seine Entwürfe suchen die ideale Balance zwischen radikaler Gestaltung und ausgewogener Methodik. Das Frühwerk des ETH-Absolventen war noch stark von Frank Lloyd Wright, Antonio Gaudi und Sakralbauten geprägt. In den 1960er Jahren war Dahinden einer der ersten Schweizer Architekten, der die aufkommenden avantgardistischen Theorien und Arbeiten von Archigram und den japanischen Metabolisten aufnahm und verbreitete. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen das Zelthaus auf der Rigi, das Einkaufs- und Freizeitzentrum Schwabylon in München und das Trigon-Dorf in Zürich Hottingen. Justus Dahinden verstarb im Frühjahr 2020.
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Saurer Tower, Saurerhochhaus, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1958-1960, Swiss Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com
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St Anthony's Church, Antoniuskirche, Karl Moser, Basel, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com
Neumarkt Brugg, Shopping Centre, Office Tower, Gabriel Droz, Brugg, 1971-1976, © Karin Bürki/Heartbrut, Swiss Brutalism. Explore more on Heartbrut.com