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Unteraffoltern II, Georges-Pierre Dubois, Zurich, 1967-1970, Swiss Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com

Unteraffoltern II

Text & Bilder: Karin Bürki

Text & Bilder: Karin Bürki

Die Betonwüste lebt

Hier ist ein Vorschlag für einen Stadtspaziergang. Er führt vom geschäftigen Oerlikon im Norden Zürichs entlang einsamer Felder, vorbei an einem Bauernhof, durch den Hürstholzwald und endet in einer gepflegten Parklandschaft in Zürich-Affoltern. Zeit für eine Verschnaufpause und einen Happen. Der Picknicktisch bietet einen atemberaubenden Blick auf die beiden Betonblöcke Unteraffoltern II im Corbusier-Stil.

Wem jetzt der Bissen im Mund stecken bleibt: Ja, die beiden 40 Meter hohen und 63 Meter langen «Betonklötze» sind durchaus einen Ausflug wert. Schliesslich landeten die Brutalismusikonen im März 2023 bei einem Community-Voting des Nachrichtenportals 20 Minuten auf Platz 1 der «hässlichsten Gebäude der Schweiz». Knapp vor dem Goetheanum. «Nichts anderes als eine unschöne Betonwüste,» lautete einer der freundlicheren Kommentare.

Autsch. Dabei galten die vermeintlichen «Monster» bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1970 sowohl architektonisch als auch sozial als äusserst fortschrittlich. Unteraffoltern II war Kernstück eines der grössten Neubauvorhaben der Stadt in der Nachkriegszeit. In den 1960er-Jahren benötigte Zürich dringend neuen und preisgünstigen Wohnraum. 1966 begann die Stadt im damals noch dörflich geprägten Affoltern mit dem Bau von fünf Wohnüberbauungen für 5000 Menschen. Allein auf Unteraffoltern II entfiel ein Drittel der über 700 neuen Wohnungen.

Die brutalistische Bauweise spiegelte den zukunftsoptimistischen und betonaffinen Zeitgeist der Boomjahre wider. Als Stilvorbild diente die Unité d'habitation in Marseille des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier aus dem Jahr 1952. Markenzeichen: Sichtbeton, gestapelte und vertikal verschachtelte, moderne Maisonettewohnungen, Gemeinschaftsräume und integrierte Läden. Und das alles umgeben von einer gepflegten Grünanlage. Die Zürcher Antwort stammt von einem, der es wissen muss: Georges-Pierre Dubois arbeitete in den 30er-Jahren im Pariser Büro von Le Corbusier und realisierte bereits 1960 die erste Schweizer Unité im thurgauischen Arbon.

Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, mit manchem Vorurteil aufzuräumen. Denn hinter der (für heutige Augen) abweisenden Fassade verbirgt sich ein guter Kern. Wie das Original bietet auch die Dubois-Unité eine durchdachte Wohnungsstruktur, lichtdurchflutete Maisonettewohnungen und grosszügige Gemeinschaftsräume. Das Highlight sind aber die Eingangsbereiche. Sie verfügen über einen botanischen Garten im Kleinformat mit Wasserelement. Die Briefkästen in leuchtendem Gelb, Grün, Blau und Orange sind so einladend, dass auch der Picknicktisch durchaus Sinn macht.

Ende der Neunzigerjahre wurde die beiden Blöcke einer umfassenden Instandsetzung unterzogen, bei der die Fassade aufgefrischt und in den Eingangshallen eine rollstuhlgängige Rampe eingebaut wurde. Veränderte Wohnbedürfnisse und der Wunsch nach einer diverseren Mietermix führten dazu, dass 2002-2003 ein Drittel der 264 Wohnungen zu grösseren Einheiten zusammengelegt wurde. Jedes Gebäude verfügt nun über jeweils 118 Wohnungen mit 1 bis 5 1⁄2 Zimmern, in denen bis zu 250 Personen leben.

Wer jetzt immer noch Monster sieht: Der Katzensee liegt auf der anderen Seite der Autobahn.

Der französisch-schweizerische Städteplaner und Architekt Le Corbusier war der Ansicht, dass Gebäude funktional, effizient und schön sein sollten. Er führte den Begriff der «Wohnmaschine» ein. Damit bezeichnete er Gebäude, die die Bedürfnisse ihrer Bewohner erfüllen, so wie Maschinen eine bestimmte Aufgabe erledigen. Le Corbusiers Unité d'habitation von 1952, eine Art vertikale Mini-Stadt aus Beton auf Stelzen in Marseille, diente als Prototyp und wurde in den 1950er und 1960er Jahren vielfach nachgeahmt. Die zunehmend auf ökonomische Effizienz getrimmten Wohnmaschinen trugen entscheidend dazu bei, die immense Nachfrage nach neuen und billigen Wohnungen zu decken. Doch die ökologischen und sozialen Folgen blieben unberücksichtigt. Die Bauten wurden zunehmend als gesichtlos und menschenfeindlich empfunden. In den 1970er Jahren gerieten sie in Verruf.
Georges-Pierre Dubois wurde 1911 in der jurassischen Stadt Le Locle geboren. Nachdem er von 1937 bis 1940 im Atelier von Le Corbusier gearbeitet hatte, baute er von 1958 bis 1960 für die Firma Saurer in Arbon das erste Unité-Hochhaus der Schweiz. Der damals weltweit führende Hersteller von Lastwagen, Bussen, Militärfahrzeugen und Textilmaschinen brauchte Ende der 1950er-Jahre dringend neue und erschwingliche Wohnungen für seine Angestellten. Albert Dubois, der damalige Generaldirektor von Saurer, beauftragte seinen Architektenbruder mit dem Bau eines markanten Gebäudes für 200 «Saurer-Familien».
Unteraffoltern II, Georges-Pierre Dubois, Zurich, 1967-1970, Swiss Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com

© Karin Bürki/Heartbrut

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Hochhaus zur Palme High-Rise, Haefeli Moser Steiger, Zurich, 1955-1964, Swiss Brutalism, © Karin Bürki/Heartbrut. Explore more on Heartbrut.com
Franziskushaus, verlassenes Konferenzzentrum Otto Glaus, 1969, Schweizer Brutalismus. Text und Bilder: Karin Bürki. Heartbrut.com
Brunnadern, Residential Buildings, Atelier 5, Bern 1970, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Bürki
Palais des Congrès, Conference Centre, Swimming Pool, Max Schlup, Biel/Bienne, 1961-1965, © Karin Bürki/Heartbrut, Swiss Brutalism. Explore more on Heartbrut.com