Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki

SAURERHOCHHAUS

WOHNTURM, GEORGES-PIERRE DUBOIS, ARBON,TG, 1958-1960

© Bilder & Text: Karin Bürki / HEARTBRUT

Die Arboner Antwort auf die Unité d’habitation (1952) des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier ist das Resultat einer glücklichen Zusammenkunft zweier Brüder, sozialem Kapital und einer Ära geprägt von Optimismus, Neuerfindung und gesellschaftlichem Aufbruch.

In der Nachkriegs-Schweiz hatte Architektur die Aufgabe, Antworten auf Fragen des radikalen sozialen Wandels und nie dagewesenen Wirtschaftswachstums zu liefern. Das Saurerhochhaus, erstellt 1960 in Arbon, setzte in dieser Diskussion ein frühes Ausrufezeichen. Das 13-stöckige Betongebäude auf Stelzen führte die Wohnform Hochhaus im Thurgau und moderne Maisonette-Wohnungen für Arbeiterfamilien ein.

Wenn im 20. Jahrhundert von Arbon die Rede war, war in dehistorische Stadt am südlichen Ufer des Bodensees zwischen Konstanz und Bregenz gemeint, sondern Saurer. Die Firma belieferte damals die ganze Welt mit Lastwagen, Bussen, Militärfahrzeugen und Maschinen für die Textilindustrie. In der Nachkriegszeit hatte sie ihre besten Zeiten und beschäftigte über 5000 Angestellte. Viele davon in Arbon. Konfrontiert mit einem massiven Anstieg an Arbeitskräften, suchte die Stadt händeringend nach neuem und kostengünstigen Wohnraum.

lbert Dubois, der damalige Generaldirektor von Saurer, der die zündende Idee hatte. Er beauftragte seinen Bruder, der Architekt war, ein Gebäude zu entwerfen, das Wohnraum für 200 «Saurer-Familien» schaffen sollte. Gleichzeitig sollte es dem Status der Firma als sozial sorgendes Unternehmen und vorwärtsblickenden Global Player architektonische Form geben. Georges-Pierre war dafür der perfekte Mann; hatte er doch von 1937 bis 1940 in Le Corbusiers Büro gearbeitet. Natürlich packt so einer die Gelegenheit beim Schopf, seine Version der wegweisenden Unité in Marseille zu realisieren.


Dubois redimensionierte das Unité-Konzept auf die lokalen Bedürfnisse und Vorschriften und optimierte es gleichzeitig, um Saurers höheren Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Der ursprüngliche Plan für zwei Zwillingstürme wurde aus Kostengründen versenkt. Der Block enthält 95 Wohnungen und ist in zwei Einheiten aufgeteilt. Die Südfassade ist für einstöckige Wohnungen reserviert, während sich an der Nordseite entlang die versetzt übereinander geschichteten Maisonette-Wohnungen reihen. Der Zugang erfolgt via Laubengängen. Alle Wohnzimmer und einige der Schlafzimmer sind gegen Westen ausgerichtet und befinden sich entweder im unteren oder oberen Stock. Die Maisonette-Wohnungen erlauben eine Panoramasicht über den Bodensee und, auf der gegenüberliegenden Seite, den ländlich geprägten Thurgauer Seerücken. Auf der Dachterasse befindet sich kein Swimmingpool wie in Marseille, sondern, gut schweizerisch, eine Waschküche. Sie erinnert etwas an die Kommandobrücke eines Hochseedampfers - vielleicht eine Referenz an den Nautik-Spleen Le Corbusiers. Sie überblickt neun fix installierte und akkurat in Reih und Glied aufgestellte Stewi-Spinnen.

A propos: Arbon verfügt übrigens über eines der schönsten Strandbäder des Landes - wer möchte da schon in einem Mini-Pool auf dem Dach planschen?

Das Saurerhochhaus feierte 2020 seinen 60. Geburtstag. Was man der Jubilarin aber nicht ansieht. Ein gepflegter Formschnittgarten ziert die Einfahrt zum Wohnturm, der seinerseits von grosszügigen Grünflächen und einer öffentlichen Parkanlage umgeben ist. Die Anlage versprüht die Art von herausgeputzter Postkarten-Perfektion, wie man sie so nur in der Schweiz antrifft. Zwar haben inzwischen Singles und Paare die Saurer-Familien mit Kindern zahlenmässig weit überholt. Auch treten keine Stockwerk-Teams mehr zum Fussball-Match gegeneinander an. Der starke Gemeinschafts-Sinn ist aber geblieben. Eine gründliche Renovierung im Jahr 2009 brachte den Beton, Infrastruktur und die Küchen wieder in Schuss. Die Anzahl Zimmer per Maisonette wird fortlaufend verkleinert, um grosszügigeren Wohnraum zu schaffen. Die Betonbeauty geniesst die Whiskyjahre. Prost!

Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki
Saurerhochhaus, Residential Tower Block, Georges-Pierre Dubois, Arbon, 1960, Brutalism © HEARTBRUT / Karin Hunter Bürki

(© Bauen+Wohnen / ETH E-Periodica)​

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