Unteraffoltern II, Swiss brutalism icon in Zurich, © Karin Bürki. Explore more on Heartbrut.com
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Unteraffoltern II

Die Betonwüste lebt
Picture of Words & images: Karin Bürki

Text und Bilder: Karin Bürki

Hier ist ein Vorschlag für einen Stadtspaziergang. Er führt vom geschäftigen Oerlikon im Norden Zürichs entlang einsamer Felder, vorbei an einem Bauernhof, durch den Hürstholzwald und endet in einer gepflegten Parklandschaft in Zürich-Affoltern. Zeit für eine Verschnaufpause und einen Happen. Der Picknicktisch bietet einen atemberaubenden Blick auf die beiden Betonblöcke Unteraffoltern II im Corbusier-Stil.

Wem jetzt der Bissen im Mund stecken bleibt: Ja, die beiden 40 Meter hohen und 63 Meter langen «Betonklötze» sind absolut einen Ausflug wert. Hier erfährst du warum das so ist und was sie so besonders macht.

Die brutalistische Bauweise spiegeln den zukunftsoptimistischen und betonaffinen Zeitgeist der Boomjahre wider. Als Stilvorbild diente der wegweisendeWohnblock Unité d'habitation in Marseille des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier aus dem Jahr 1952. Markenzeichen: Sichtbeton, gestapelte und vertikal verschachtelte, moderne Maisonettewohnungen, Gemeinschaftsräume und integrierte Läden. Und das alles umgeben von einer gepflegten Grünanlage. Die Zürcher Antwort stammt von einem, der sich in der Sache bestens auskannte: Georges-Pierre Dubois arbeitete in den 1930er-Jahren im Pariser Büro von Le Corbusier und realisierte bereits 1960 die erste Schweizer Unité im thurgauischen Arbon.

Wie das Original bietet auch die Dubois-Unité eine durchdachte Wohnungsstruktur, lichtdurchflutete Maisonettewohnungen und grosszügige Gemeinschaftsräume. Ein spezieller Hingucker sind die Eingangsbereiche. Sie verfügen über einen botanischen Garten im Miniformat inklusive Wasserelement. Die Briefkästen in leuchtendem Gelb, Grün, Blau und Orange sind so einladend, dass auch der Indoor-Picknicktisch durchaus Sinn ergibt.

Unteraffoltern II war Kernstück eines der grössten Neubauvorhaben der Stadt in der Nachkriegszeit. Ein Drittel der über 700 neuen Wohnungen für 5000 Menschen, die ab den 1960er-Jahren gebaut wurden, entfällt auf die Wohnüberbauung.

Ende der Neunzigerjahre wurden die beiden Blöcke einer umfassenden Instandsetzung unterzogen. Dabei wurde die Fassade aufgefrischt und in den Eingangshallen eine rollstuhlgängige Rampe eingebaut. Aufgrund veränderter Wohnbedürfnisse und des Wunsches nach einem vielfältigeren Mietermix, wurden von 2002 bis 2003 ein Drittel der 264 Wohnungen zu grösseren Einheiten zusammengelegt wurde. Jedes Gebäude verfügt nun über jeweils 118 Wohnungen zwischen mit ein bis fünfeinhalb Zimmern, in denen bis zu 250 Personen leben.

Der französisch-schweizerische Architekt und Städteplaner Le Corbusier war einer der prägenden Köpfe des 20. Jahrhunderts. Er war der Ansicht, dass Gebäude funktional, effizient und schön sein sollten. Er führte den Begriff der «Wohnmaschine» ein. Damit bezeichnete er Gebäude, die die Bedürfnisse ihrer Bewohner erfüllen, so wie Maschinen eine bestimmte Aufgabe erledigen. Le Corbusiers Unité d'habitation von 1952 in Marseille - eine Art vertikale Mini-Stadt aus Beton auf Stelzen - diente als Prototyp und wurde in den 1950er -und 1960er-Jahren Jahren vielfach nachgeahmt. Die zunehmend auf ökonomische Effizienz getrimmten Wohnmaschinen trugen entscheidend dazu bei, die immense Nachfrage nach neuen und billigen Wohnungen zu decken. Doch die ökologischen und sozialen Folgen blieben unberücksichtigt. Die Bauten wurden zunehmend als gesichtlos und menschenfeindlich empfunden. In den 1970er Jahren gerieten sie in Verruf.